Nichts als die Wahrheit

12. Juni 2010

Landratswahl Cham – Independence Day?

Filed under: Cham, Lokalpolitik — Argeleb @ 17:08

[Update 2] Die Ergebnisse der Stichwahl vom 18. Juli[Update 2]

[Update] Hier nun die Ergebnisse der Wahl [Update]

Am 4. Juli finden im Landkreis Cham ausserplanmäßige Landratswahlen statt, weil der bisherige Landrat Zellner zu vermeintlich Höherem berufen wurde.

Normalerweise ist Lokalpolitik nicht meine Sache. Aber in diesem Fall möchte ich mal eine Ausnahme machen und die Kandidaten, die zur Wahl stehen, etwas genauer unter die Lupe nehmen. Diese Analyse ist rein subjektiv und erhebt daher nicht den Anspruch, als allgemein gültige Wahlempfehlung zu gelten.

Da ich mich in der Lokalpolitik nicht auskenne, und z.B. auch gar nicht weiß, welche Themen denn den Landkreis zur Zeit beschäftigen, habe ich mich zunächst einmal in den im Internet zugänglichen Medien schlauer gemacht. Eine der Informationsquellen ist dabei die Online-Präsenz der Mittelbayerischen Zeitung. Dort gibt es eine spezielle Rubrik zur Landratswahl 2010. Erstaunlich ist die Reihenfolge und Präsentation der Kandidaten auf dieser Seite, die in meinen Augen schon etwas tendenziös erscheint. Nichts desto trotz, möchte ich mich bei der Analyse der Kandidaten dieser Reihenfolge anschließen.

Die Kandidaten

Franz Löffler (CSU)

Ich kann zu Franz Löfflers persönlicher Eignung für das Amt des Landrates nicht viel sagen. Er ist derzeit Bürgermeister von Waldmünchen. Als CSU Kandidat dürfte er die größten Chancen auf den Wahlsieg haben. Einer CSU-Tradition gemäß ist dann damit zu rechnen, dass Waldmünchen einen Boom erleben wird, so wie Kötzting einen Boom erlebt hat, nachdem Zellner Landrat wurde, und wie Roding boomte als Girmindl das Amt inne hatte. Es bleibt jedem selbst überlassen, dies zu bewerten.

Da ich zu Löffler selbst nichts sagen kann, werde ich mich daher seiner Partei zuwenden. Eine Partei, die für folgendes steht: Überwachung, Zensur, Lobbyismus, Christentum. Und damit erscheint mir bereits alles gesagt, was eine Wahlentscheidung für einen Kandidaten der CSU vollkommen unmöglich macht, da mag die persönliche Politik von Löffler noch so klug sein. Aber wie klug kann ein Politiker sein, der Mitglied einer Partei ist, die sich sogar im Namen zu christlichen Prinzipien bekennt? Christliche Staatstheorie ist zwar nicht mehr theokratisch oder aristokratisch, aber dennoch eher obrigkeitshörig. Die Begeisterung der CSU-Anhänger für die adligen Vertreter dieser Partei mag dafür ein Indiz sein (Herr von und zu und unter Guttenberg, Urheber des Zugangserschwerungsgesetzes, ist nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil er adelig ist)

Ich als Pirat, als  Humanist, als Atheist und Anhänger der individuellen Freiheit  kann daher einem Vertreter dieser Partei meine Stimme nicht geben.

Gerhard Reisinger (FDP)

Einst Mitglied der CSU ist der Unternehmer und Kreishandwerksmeister heute Mitglied der FDP. Seine Vita beeindruckt, vor allem der Erfolg, den er mit seinem Handwerksbetrieb hat. Am Rande einer CSU-Veranstaltung hatte ich einmal die Gelegenheit ihn persönlich kennen zu lernen. Er ist ein Mann klarer Worte und in meiner Erinnerung durchaus sympathisch. Ein Mann der Tat und nicht der Worte, und das meine ich tatsächlich positiv. Man kann ihm zutrauen, dass er die Probleme des Landkreises anpackt und auch etwas bewirken kann.

Wenn er dann jedoch in seiner Selbstdarstellung von den christlichen Wurzeln spricht, dann bekomme ich natürlich sofort Bauchschmerzen. Ich will hier mal hoffen, dass dies nur der Wahlkampftaktik geschuldet ist, in der Annahme so die Stimmen der noch zahlreichen Schein-Christen im Landkreis zu erobern. Aber gehören die Stimmen der Christen nicht der CSU? Man wird sehen.

Reisinger verspricht, keine Kirchturmpolitik zu betreiben. Ein nobler Anspruch, den wir natürlich erst nach seiner Wahl überprüfen werden können.  Der Radius des Kirchturms in Reichenbach ist auch zu klein, als dass man erwarten muss, dass Reisinger Krankenhäuser und Berufsschulen dort hin bringen will.

Ein Sieg Reisingers wäre sicher kein Beinbruch, aber dennoch wird er nicht meine Wahl sein, dafür ist er noch zu sehr im Gedankengut der CSU verhaftet.

Max Schmaderer (Freie Wähler)

Meine erste Reaktion auf die vielen Plakate, von denen Max Schmaderer herunter lächelt und die bereits sehr frühzeitig aufgestellt wurden, war Verwunderung. Wer ist denn das? Nun gut, heute weiß ich, dass er der Bürgermeister von Schorndorf ist. Seinen Aussagen nach, hat er die Lokalpolitik von der Pike auf gelernt, weil er sie bereits seit 20 Jahren betreibt. Er glaubt tatsächlich, das wäre ein Vorteil. Ja, ich glaube, er meint das wirklich. Dabei bedeutet das für mich nur, dass er außer Lokalpolitik nichts anderes kennt. Man könnte auch etwas spöttisch sagen, er wäre ein „Fachidiot“. Ob das so ist, weiß ich nicht, aber benötigen wir für den Landkreis Cham wirklich eine Verwalter? Oder brauchen wir eher einen Gestalter?

Die Freien Wähler, für die er antritt, erscheinen mir immer als politisch extrem ambivalent. Nicht Fleisch und nicht Fisch. Die lokalen Erfolge der Freien Wähler sind vor allem dadurch geprägt, dass die Wähler sich für die Persönlichkeiten der „Partei“ entschieden haben. Dass Max Schmaderer nominiert wurde, liegt vor allem daran, dass sowohl Karin Bucher als auch Dr. Karl Vetter abgewunken haben. Das lässt Schmaderer als Verlegenheitskandidaten erscheinen.

Max Schmaderer mag ein guter Verwaltungsangestellter sein, aber ob er den Landkreis gestalterisch voranbringen kann, kann jedoch bezweifelt werden. Da er auch in den Augen seiner „Partei“ nur dritte Wahl war, würde ich ihm diese Position auch bei der Wahl wünschen.

Claudia Zimmermann (SPD)

Tochter von Michael Zimmermann. Das hört man immer als erstes, wenn es um Claudia Zimmermann geht. Dabei hat sie natürlich weit mehr zu bieten. Interessanterweise preisen selbst ihre Parteifreunde sie mit diesem Attribut an. Auch als „schönstes Produkt der Chamer SPD“ wurde sie schon betitelt. Warum nur reduzieren die Genossen ihre Kandidatin auf die Abstammung und das Aussehen? Wollen sie schon von vorherein einen Wahlsieg verhindern? Ist die Angst der SPD Männer vor einem Erfolg einer Frau wirklich so groß? Vielleicht ist es aber auch nur die konservative Lokalpresse, die diesen Aspekt des Wahlkampfes hervorhebt.

Zimmermann hat eine moderne Vita, eine die sie mit immer mehr Frauen teilt. Sie steht mitten im Leben, sie weiß um die Probleme, mit denen Familien zu kämpfen haben, wenn es um die Frage geht, wie man Berufsleben und Kindererziehung unter einen Hut bringt. Gerade die Lokalpolitik muss die Lebenserfahrung dieser Menschen verbessern, denn sie bilden letztendlich das Rückgrat unserer Gesellschaft. Sie hat auch erkannt, dass es nicht sinnvoll ist lokale Rivalitäten über die Bedürfnisse der Bürger zu stellen. Nicht die Frage des Standortes ist entscheidend, sondern ob eine Lösung möglichst allen dienlich ist. Gerade in einem Flächenlandkreis wie Cham, ist es wichtig, für alle Bürger die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten. Dezentrale Schulen und Krankenhäuser sind einfach nur eine Utopie, weil sie nicht finanzierbar sind, dennoch muss z.B. die gesundheitliche Versorgung auch in den entlegensten Winkeln des Landkreises sicher gestellt werden.

Ich traue ihr das zu, weil ich weiß, dass Pragmatismus und Organisationstalent wichtigste Eigenschaften sind, über die gerade berufstätige Mütter verfügen. Daher wird meine Wahlentscheidung voraussichtlich auf Claudia Zimmermann fallen.

Sepp Riederer (ÖDP)

Ich habe keine Ahnung wer dieser Mann ist. In einem Interview von TVA sagt er, er trete an, um die ÖDP bekannter zu machen. Mit dem selben Argument hätte auch ich antreten können, um die Piraten bekannter zu machen. Aber ist es das was wir im Landkreis Cham brauchen? Nein.

Fazit

Warum eigentlich die Überschrift Independence Day? Der 4. Juli wird in den USA als der Unabhängigkeitstag gefeiert. Und da ich der Ansicht bin, dass wir Chamer dieses Mal die Chance haben, uns von der CSU Vorherrschaft zu befreien, erschien mir dieser Bezug gar nicht so abwegig. Ich möchte nicht länger, dass die Geschicke unseres Landkreises von einer Partei bestimmt werden, die es mit Grundgesetz, Verfassung und Freiheit nicht all zu ernst nimmt.

Daher zum Abschluss noch meine ganz persönliche Rangliste der Kandidaten:

  1. Claudia Zimmermann
  2. Gerhard Reisinger
  3. Max Schmaderer
  4. Sepp Riederer
  5. Franz Löffler

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