Nichts als die Wahrheit

23. Januar 2010

Standard statt Vendor-Lock-In

Filed under: Entwicklung, Microsoft — Argeleb @ 12:39

Ein Professor, dessen Namen ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht nennen möchte, hat während meines Studiums der Informatik einmal etwa folgendes gesagt:

Setzt euch immer für Standards ein, und tut danach alles, um sie zu brechen

Was zunächst nach einem unbedeutendem Witzchen klingt, spiegelt allerdings die Situation wider, vor der wir heute nach wie vor stehen. Dieses Zitat stammt aus den frühen 1990ern!

Was ist ein Standard

Man könnte annehmen, ein Standard wäre eine Norm, die von einem offiziellen Standardisierungsgremium vorgegeben wurde. Solche Gremien und Institute gibt es ja in zahlreichen Ausprägungen: ISO, DIN, IEEE, OASIS, ECMA, IETF, W3C, etc.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Standards entstehen bereits viel früher, und die Standardisierungsgremien schreiben diese Entwicklungen fest.

Beispiele für einst proprietäre Entwicklungen, aus denen dann Standards wurden:

Weitere Standards:

  • iCalendar (entwickelt von der IETF durch Lotus- und Microsoft-Mitarbeiter)
  • E-Mail (RFC 822)
  • Diverse Grafikformate
  • TCP/IP
  • etc.

Letzten Endes entstehen Standards aus dem einfachen Grund, um Kooperation zu ermöglichen. Daher sind Standards immer ein Kompromiss, oder auch der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Marktteilnehmer einigen konnten.

Welche Kriterien muss ein Standard erfüllen, damit man ihn so nennen kann? Folgende Liste könnte man prüfen:

  1. Es muss eine allgemein zugängliche Beschreibung vorliegen
  2. Kein Teil des Standards darf durch Patente geschützt sein
  3. Ein allgemein anerkanntes Institut hat den Standard normiert
  4. Der Standard muss sich auf das wesentliche konzentrieren
  5. Der Standard muss herstellerunabhängig sein
  6. Es sollte mindestens zwei Produkte (unterschiedlicher Hersteller) geben, die den Standard vollständig unterstützen

Was ist kein Standard

Oft werden Gegebenheiten als Standard oder De-Facto-Standard bezeichnet, die allerdings keine Standards sind. Berühmtestes Beispiel ist sicher das .DOC Format von Microsoft. Man nennt sie Standard, weil so gut wie jeder Mensch sie nutzt. Allerdings sind solche Formate oftmals nicht offen gelegt und daher können sie nicht als Standard betrachtet werden.

Nehmen wir mal als Beispiel das Word-Format von Microsoft, und prüfen es anhand der obigen Liste:

  1. Es gibt eine Beschreibung (PDF) des Formats
  2. Das konnte ich nicht überprüfen, da Microsoft über 10000 Patente besitzt, und mglw. betrifft eines davon Details aus dem .DOC-Format
  3. Nein
  4. 210 Seiten dürften das Format erfüllend beschreiben (da fragt man sich, was auf den über 6000 Seiten der OOXML-Spezifikation geschrieben steht. 30mal mehr Funktionen? Ich bezweifle das)
  5. Nein
  6. Das dürfte der Fall sein

In diesem Beispiel hat der „Standard“ nur 4 von 6 Punkten bekommen und man sollte daher dieses Format nicht verwenden.

Wo liegen die Nachteile

Standards sind Kompromisse. Dies hat zur Folge, dass es meist eben nur der kleinste gemeinsame Nenner ist. Verwendet man, als Software-Hersteller, solche Standards, dann muss man oft auf Funktionalitäten verzichten, um nicht die Kompatibilität zum Standard zu verlieren.

Außerdem kann man sich nicht aus der Masse hervorheben, wenn man nur Standards unterstützt, da man ja nur das unterstützt, was sowieso alle unterstützen. Somit werden einem Alleinstellungsmerkmale verwehrt, die möglicherweise zu größerem Erfolg führen könnten.

Was sind die Vorteile

Standards sind gut dokumentiert, da ihre Spezifikation öffentlich zugänglich ist. Das erleichtert die Implementierung einer Software enorm. Standards sind klar umrissen und dadurch nicht sehr umfangreich.

Standards machen die Anwender unabhängig von Anbietern. Wenn man nur E-Mail Software einsetzt, die POP3/SMTP und RFC 822 verwendet, kann man sehr leicht auf einen anderen Client umsteigen. Dasselbe gilt natürlich auch für Office Produktivitätssoftware oder Web-Browser. Sobald man sich in die Falle des Nicht-Standardisierten begibt, ist man auf Gedeih und Verderb einem Hersteller ausgeliefert.

Die Standard-Rowdys

Es gibt immer wieder Unternehmen, die vorgeben, Standards zu unterstützen, diese jedoch nur torpedieren, um ihre eigenen proprietären Erweiterungen durchzudrücken. Das machen diese Unternehmen, um die Wahlfreiheit der Anwender einzuschränken. Denn nichts ist schlimmer für diese Unternehmer, als dass ein Anwender auch eine alternative Software einsetzen könnte.

Leider tut sich in diesem Umfeld Microsoft als der größte Rowdy hervor. Immer wieder versprechen sie Standardkonformität, und brechen sie. Als Beispiel möchte ich Outlook heranziehen. Prinzipiell unterstützt Outlook das iCal Format (nicht zuletzt deshalb, weil Microsoft aktiv an diesem Standard mitgearbeitet hat). Jedoch verhindern „Bugs“ in Outlook, dass bestimmte Kalender importiert werden können. Man könnte jetzt natürlich argumentieren, dass es sich dabei um einen Fehler handelt, den man dem Hersteller erst mal verzeihen muss. Nur leider ist es nicht möglich, Microsoft dazu zu bewegen solche Fehler zu beseitigen. Ein Software-Hersteller, der das iCal Format zum Austausch verwendet, hört dann von den vielen Outlook-Kunden, dass er doch bitte Outlook unterstützen sollte. Das ist jedoch mit dem Standard nicht möglich, also müsste dieser Software-Hersteller das proprietäre Format von Microsoft verwenden, um Outlook vollständig unterstützen zu können.

In der Regel sind gerade kleine mittelständische Software-Hersteller nicht in der Lage, sich gegen solche Argumente zu wehren. Der Kunde sagt: „Das ist Outlook, das ist Standard, und ihre Software hat sich dem unterzuordnen“. Das Gegenargument: „Ja, aber Outlook verletzt den Standard und es ist nicht unsere Schuld“ wird dann mit dem Hinweis auf die hohe Verbreitung von Outlook weggewischt.

Daher würde ich jedem kleinen Software-Hersteller empfehlen, diese Argumente zu ignorieren und auf Standards und Standardisierungsgremien zu pochen. Das ist sicher oft sehr schwer, aber wenn die kleinen Software-Hersteller es nicht machen, werden sie am Ende die Verlierer sein, weil langfristig gerade Microsoft mit seinem Windows/Office-Monopol am längeren Hebel sitzt.

Zum Thema Internet Explorer will ich hier nichts weiter schreiben und verweise hier auf einen Artikel bei golem.

Fazit

Setzt man bei der Auswahl seiner Software-Komponenten konsequent auf Produkte, die sich an Standards halten, so gewinnt man Wahl-Freiheit. Der Preis ist unter Umständen fehlende Funktionalität. Dieser Preis ist jedoch gering, denn am Ende bezahlt man einen Vendor-Lock-In immer sehr teuer (in Form überteuerter Lizenzgebühren oder hoher Migrationskosten)

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