Nichts als die Wahrheit

1. Mai 2010

Piraten: Partei des evolutionären Humanismus?

Filed under: Humanismus, Piratenpartei — Argeleb @ 12:44

Dr. Frank Berghaus schlägt in seinem Beitrag auf wissenrockt.de die Gründung einer humanistischen Partei vor, die eben nicht nur die Säkularisierung zu ihren Zielen erklärt. Aber eine humanistische Partei gibt es bereits: Die Humanistische Partei (HP)

Eine rein humanistisch ausgerichtete Partei würde offenbar ebenso unter dem Stigma der Einseitigkeit leiden, wie man es gerne der Piratenpartei unterstellt. Die Piraten sind sich sehr wohl bewusst, dass sie mittelfristig ihr Programm erweitern müssen. Doch auf der Grundlage welches Wertesystems soll die Partei denn nun eigentlich ihr Programm erweitern. Ethische Beliebigkeit kann sicher nicht die Grundlage für ein trag- und mehrheitsfähiges Programm sein.

Die Ausarbeitung eines Vollprogramms ohne eine grundsätzliche weltanschauliche Basis wird daher nicht möglich sein. Denn wie soll man Fragen der Sozialpolitik, der Außenpolitik oder der Wirtschaftspolitik beantworten, wenn die Mitglieder der Partei keinen Konsens ihrer Werte hergestellt haben. Die Piraten wären also gut beraten, wenn sie sich zunächst einmal auf eben diesen Wertekanon einigen würden. Wie dieser aussehen sollte, möchte ich im Folgenden skizzieren.

Als Piratenpartei sind wir immer bestrebt, die bestmögliche Lösung für ein konkretes Problem anzubieten. Viele Probleme unseres Alltags lassen sich daher mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden lösen. Im Zentrum unserer Politik steht der Mensch, und die Wissenschaft weiß mittlerweile sehr gut, wie der Mensch so tickt. Richten wir also unsere Politik an den wissenschaftlichen Erkenntnissen aus, dann wird sich die Situation der Menschen in unserer Gesellschaft verbessern, und das sollte doch das Ziel jedes politischen Handelns sein.

Ein Beispiel: Auch wenn es etwas esoterisch klingt, es gibt seit den 1980er Jahren die Glücksforschung, deren Ziel die Erforschung des Glücks ist. So hat man herausgefunden, dass für das individuelle Glücksempfinden der relative Wohlstand eine höhere Bedeutung hat, als der absolute Wohlstand. Wenn also in einer Gemeinschaft alle in etwa dasselbe verdienen, so sind die Menschen dort glücklicher, als in einer Gemeinschaft, in der es große Unterschiede im Einkommen gibt. Dies lässt sich auch unmittelbar in der Lebenserwartung ablesen. Kurz gesagt heißt das: Lieber ein Armer unter Armen, als ein Reicher unter Superreichen.
Menschen mit höherem Einkommen sind glücklicher, wenn sie Menschen mit niedrigerem Einkommen kennen. Dieser Sachverhalt erklärt im Übrigen auch, warum sich die Menschen so gerne Doku-Soaps, wie “Raus aus den Schulden” anschauen, denn dort wird ihnen ihr relativer Wohlstand vor Augen geführt, wodurch sie sich dann zufriedener fühlen.

Das Lieblingsbuch vieler Piraten ist ja bekanntlich das Grundgesetz. In der öffentlichen Wahrnehmung gelten die Piraten ja fast ausschließlich als eine Bürgerrechtsbewegung, und diesem Umstand hat die Partei ja auch ihr rasantes Wachstum zu verdanken. Dass der Ursprung der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland in der Tradition humanistischer Aufklärung zu suchen ist, dürfte mittlerweile jedem klar sein, auch wenn christliche Politiker nicht müde werden, immer wieder das Märchen des “christlichen Abendlandes” zum Besten zu geben.

Alle etablierten Parteien versuchen die christliche Mehrheit in unserem Land zu umgarnen. Allen voran natürlich die CDU/CSU. Aber selbst Mitglieder aus Parteien, von denen man erwarten würde, dass sie keine religiösen Wurzeln haben, trauen sich nicht auf die Gottesformel zu verzichten.

Im Moment mag es politisch noch klug sein, auf christliche Werte zu schielen, denn die Rentner stellen mittlerweile die größte Wählergruppe dar. Und unter diesen Menschen ist der Glaube noch stark verbreitet. Doch die Zahl der Konfessionslosen steigt unaufhörlich. Je jünger die Menschen sind, desto ungläubiger sind sie. Mit anderen Worten: Den christlichen Parteien sterben ihre Anhänger weg.

Wenn wir als Piratenpartei uns, aus Überzeugung und nicht aus Opportunismus, zum evolutionärem Humanismus und zum Laizismus bekennen, dann können wir die Interessen der Konfessionslosen vertreten. Wenn wir dann noch ein Vollprogramm ausarbeiten, das auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, dann können wir eine dauerhaft ernst zu nehmende politische Kraft in diesem Land werden. Auch wenn wir dadurch möglicherweise einige religiöse Menschen verlieren oder verprellen, so  könnte ich damit sehr gut leben. Wir können nicht jedermanns Freund sein, oder wie es einst Franz-Josef Strauß ausgedrückt hat:

Wer everybody’s Darling sein möchte, ist zuletzt everybody’s Depp

Wenn wir also aus falscher Toleranz gegenüber den Religiösen, weltanschauliche Beliebigkeit pflegen, dann werden wir untergehen. Daher lauten meine Forderungen an die Piraten:

About these ads

9 Kommentare »

  1. Eine sehr gute Überlegung!
    Seit ich mich mit dem evolutionären Humanismus beschäftigt habe suche ich nach einer solchen politischen Kraft. Egal ob es Religionen im traditionellen Sinne sind oder aber “Staatsformreligionen”, ich lehne beides grundlegend ab. Gerade die Besinnung auf wissenschaftlich überprüfbare Bewertungssysteme und die damit verbundene offene und ehrlichen Möglichkeit der Neuorientierung an neue Erkenntnisse sucht man in der Politik ja vergebens. Gerade wenn ein eigener Gedanken, ein eigenes “Leitbild” einer Partei wissenschaftlich überholt wurde folgt darauf selten die Erkenntnis und eine saubere Neuausrichtung. Meist führt dies dann zu den absurdesten Formen der Rechtfertigung die man nur mit gaaaaaanz viel Gleichgültigkeit einfach hinnehmen kann.
    Ich empfehle jedem sich mal mit dem evolutionären Humanismus auseinander zu setzten. Lest Euch am Besten das Buch “Manifest des evolutionären Humanismus” von Schmidt-Salomon (Girodano Bruno Stiftung) durch.
    Wenn sich die Piraten als Partei des evolutionären Humanismus bekennen würde, wäre das für mich jedenfalls der Schritt ihr beizutreten.
    Ich habe die Piraten zwar unterstützt und auch gewählt, einen Beitritt wollte ich aber erst in Betracht ziehen wenn ich abschätzen kann wohin sie sich gesamtpolitisch entwickeln könnte. Ein Bekenntnis zum evolutionären Humanismus wäre jedenfalls ein wirklich starkes Argument für mich eine neue politische Heimat zu finden.
    Vielen Dank für den Beitrag!
    Gruß
    Torben.

    Kommentar von Torben — 1. Mai 2010 @ 18:37

  2. [...] This post was mentioned on Twitter by martinhaase, weezerle, Daniel Schweighöfer, Jason Peper, Dropwort and others. Dropwort said: RT @martinhaase: interessante Überlegungen v. @Argleb zum evolutionären #Humanismus als Grundlage der #Piratenpartei http://is.gd/bPZSB [...]

    Pingback von Tweets that mention Piraten: Partei des evolutionären Humanismus? « Nichts als die Wahrheit -- Topsy.com — 1. Mai 2010 @ 20:10

  3. Ich kann nur davor warnen, der Piratenpartei jetzt eine Ideologie überstülpen zu wollen. Wer mit dem evolutionären Humanismus als einem Humanismus als oberstem Prinzip sympathisiert, dem sei nahegelegt, einmal zu lesen, was moderne Philosophen, hier z.B. Vilém Flusser oder Michel Foucault, zum Thema Humanismus und vor allem zu seiner dunklen Seite erarbeitet haben.
    Die aktuellen Probleme der Welt und der westlichen Industriegesellschaften resultieren u.a. aus einer Krise des Denkens. Es ist niemand geholfen, wenn wir diese Denkkrise bei der Schaffung einer Parteiideologie fortsetzen.

    LG, Pirat Ergonaut aka Nick_Haflinger

    Kommentar von Nick_Haflinger — 2. Mai 2010 @ 13:10

    • Gerade das Denken sollten wir fördern, und genau das tut auch der evolutionäre Humanismus. Inwiefern kann er also für eine Denkkrise verantwortlich sein?

      Kommentar von ArgelebAndreas — 2. Mai 2010 @ 18:08

  4. Ich bin nicht sicher ob der evolutionäre Humanismus im jetzigen Zustand die geeignete geistige Heimat ist. Ich habe so meine Probleme mit dem latenten Antispeziesismus und dem doch etwas biologistisch geprägten Menschebild darin. Als Diskussionsgrundlage aber auf jeden Fall geeignet.
    Ein Punkt in dem Manifest ist so wie er dasteht, sehr gefährlich (meine Meinung):
    “Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen!”

    Sich zum Laizismus zu bekennen, ist dagegen nur konsequent, denn wir haben ja eigentlich eine Trennung von Staat und Kirche. Die Piraten sollten sich also (wie auch andere Parteien das bereits tun) für eine Entkopplung unserer Politik von der Kirche einsetzen. Das fängt beim Religionsunterricht an, geht über die theologischen Fakultäten bis hin zur staatlich eingezogenen Kirchensteuer.
    Die Humanistische Union vertritt imho dann eine sehr vernünftige Position: Entweder es gelten für alle die gleichen Rechte (z.B. beim Religionsunterricht) oder der Staat ist eben laizistisch, was ich persönlich befürworten würde. Inwieweit man dann z.B. Kopftücher an Schulen bei Lehrerinnen und/oder Schülerinnen zulässt, steht da noch zur Diskussion. Aber man sollte als Piratenpartei nicht nur auf die Konfessionslosen schielen, denn selbst gläubige Christen wählen nicht automatisch CDU oder wollen Religionsunterricht an der Schule und umgekehrt.
    Außerdem glaube ich auch nicht, dass die Piraten unbedingt eine Parteiideologie brauchen, eine gemeinsame Grundlage ist die Verfassung und damit die Menschenrechte (die PP ist ja nicht nur eine Bürgerrechtspartei). Wenn sich die Piraten die Menschenrechte einschließlich der Rechte für Kinder und Behinderte als Grundlage nehmen, ist das doch völlig ausreichend.

    Kommentar von Turtle — 2. Mai 2010 @ 17:55

    • Aber Schmidt-Salomon bringt doch ein überzeugendes Argument dafür, dass die Lüge nicht in jedem Fall ablehnenswert ist. Wenn man mit einer Lüge verhindern kann, dass Menschen Opfer von Gewalt werden, dann ist diese Lüge ethisch absolut vertretbar. Nimm an, du kennst den Aufenthaltsort einer Bekannten. Ihr Ehemann stürmt mit einem Messer bewaffnet auf dich zu und fragt dich nach dem Aufenthaltsort seiner Frau, in der Absicht ihr etwas anzutun. Das Gebot, nicht zu lügen, würde dich zwingen den Aufenthaltsort zu verraten. Ich, und ich bin mir sicher auch du, so wie jeder mitfühlende Mensch würde in dieser Situation lügen.
      Ebenso verhält es sich beim Töten: Tyrannenmord ist in meinen Augen ethisch vollkommen in Ordnung, genauso wie Notwehr oder Nothilfe.
      Und ich würde auch stehlen, wenn es die einzige Möglichkeit darstellen würde, einem Verhungernden Nahrung zu beschaffen.
      Die Ethik des evolutionären Humanismus sucht den Ausgleich widerstreitender Interessen, dient dem Menschen und kennt keine absoluten Gebote.

      Kommentar von ArgelebAndreas — 2. Mai 2010 @ 18:15

      • Bei deinem Bsp. würdest du aber indirekt die Frau töten. Der Tyrannenmord ist da so eine Sache woher willst man wissen wer die Welt ins Chaos stüzt? Die Geschichte gibt auf vieles eine Antwort aber nicht jedes Szenario wurde durchgespielt, nicht jeder Effekt ist bekannt und nicht alles kann gleich als das Erkennen was es ist “Im Nachhinein ist man immer schlauer.”

        Zitat:”Und ich würde auch stehlen, wenn es die einzige Möglichkeit darstellen würde, einem Verhungernden Nahrung zu beschaffen.” – Das wird jetzt schon getan. Ich weiss wie du es meinst aber so den Satz dahinzustellen ist etwas gefährlich. Außerdem ist dein Bsp. etwas Suggestiv – die Antwort ergibt sich aus der Frage – obwohl ich nicht so ganz sicherbin ob man in der tatsächlichen Situation tatsächlich soviel Rückrad hat.

        Kommentar von Alexander — 24. September 2010 @ 09:59

      • Klar ist man im Nachhinein immer schlauer, aber rechtfertigt das denn kategorische Verbote?

        Kommentar von ArgelebAndreas — 25. September 2010 @ 14:09

    • Wir haben in Schleswig-Holstein eine Elterninitiative (www.ei-proper.de) gegründet wegen des abstrusen Vorgehens, das hier noch an der Tagesordnung war, wenn Kinder vom Reli-Unterricht abgemeldet wurden (kann dort in der Historie mit Belegen nachgelesen werden). Die Einstellung, “alle Religionen gleich oder eben säkular” macht einen Denkfehler, denn es setzt voraus, dass man sich als Religion- bzw. Weltanschauung definiert hat. So versucht ja auch der Humanistische Verband Deutschland an den “Trog mit dem Geld für die Kirchen” zu kommen. Aber – und mein Verständnis der Auffassung in der Piratenpartei legt nahe, dass dies dort konform wäre – die Grundposition muss doch sein:

      Jeder darf völlig frei entscheiden, was er glauben möchte (“Religion ist Privatsache”)

      Gerade wenn ich als Mensch autonom sein möchte, dann muss ich doch bitte nicht gezwungen werden, einer Partei oder einer Weltanschauungsgemeinschaft anzugehören. Damit ist die säkulare Position, der Staat stellt verantwortlichen, neutral informierenden “Philosophie, Ethik und Religionskundeunterricht” (PER) bereit m.E. die einzig logische. Darüber hinaus könnte man den Religionen- und Weltanschauungen einen (eigenfinanzierten) Unterricht erlauben. Aber Aufgabe des Staates muss es sein, dafür zu sorgen, dass Kinder die Möglichkeit haben (so weit das überhaupt geht), zur Mündigkeit zu gelangen.

      Kommentar von Guido W. Reichert — 13. Januar 2012 @ 19:20


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Theme: WordPress Classic. Get a free blog at WordPress.com

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: